Zerreißprobe

Die Selbsthilfegruppen, die vielen freiwillig Engagierten, die Themen der Selbsthilfe, die Interessierten an den Gruppen, den Bedarf nach Austausch und Begegnung, nach Offenheit und gegenseitiger Unterstützung – dies alles gibt es noch. Ungebrochen.

Jedes Jahr im Mai richtet die KIBIS den Hannoverschen Selbsthilfetag aus. Normalerweise ist dies ein großes Fest, bei dem sich hunderte Engagierte aus Selbsthilfegruppen mit ihren Themen, mit liebevoll gestalteten Info-Ständen und vielseitigen Mitmach-Aktionen präsentieren. Mittendrin befindet sich der KIBIS-Stand, der alle Selbsthilfegruppen repräsentiert, die nicht persönlich vor Ort sind. Am Kröpcke findet sich auch eine mobile Bühne, auf und vor der Musik, Tanz und Diskussion präsentiert wird. Der Oberbürgermeister als Schirmherr der Veranstaltung und eine Vertreterin oder ein Vertreter der Region halten Grußworte, auch langjährig Engagierte aus den Selbsthilfegruppen sprechen stellvertretend für die Aktiven in Hannover. Interessierte, die nicht per Fernruf Kontakt mit einer für sie in Frage kommenden Selbsthilfegruppe aufnehmen wollen, sondern ein persönliches Kennenlernen bevorzugen, werden hier fündig – manche warten gern ein Jahr, um sich einen Eindruck machen zu können. Politikerinnen und Politiker finden sich ein, um sich über die Selbsthilfe zu informieren und fast nebenbei kommen alle Stadtbummelnden an der Kraft, Stärke, Präsenz und Vielfalt der Selbsthilfe nicht vorbei.

Im letzten Jahr hat die KIBIS den Selbsthilfetag angesichts der ersten Welle der Pandemie schon frühzeitig abgesagt: zu ungewiss war die Gefährdungslage, besonders auch für die Teilnehmenden aus den Gruppen, von denen nicht wenige zum vulnerablen Personenkreis gehören. Im Herbst wurde die Veranstaltung im Internet nachgeholt. Auch wenn wir froh waren, den Selbsthilfegruppen diese Plattform bieten zu können, war es doch etwas ganz anderes als das große schöne Selbsthilfefest in der Innenstadt.

Und in diesem Jahr?

Wir wägen ab:

Die Dritte Welle schien lange ungebrochen, wir haben unendlich viel gelernt über Aerosole, Impfstoffe, über Masken oder Visiere, über Viren im allgemeinen und Coronaviren im Speziellen.

Die Innenstadt-Läden dürfen zur Zeit nur nach Anmeldung besucht werden (noch etwas, das wir gelernt haben: Einkaufen per ‚click and meet‘). Beratungsgespräche müssen mit Mund-Nasen-Maske und auf Abstand geführt werden: Eine Begegnung kann zwar von Angesicht zu Angesicht stattfinden – nur fehlt die Hälfte des Gesichtes. Für Hörgeschädigte stellt dies zum Beispiel eine unmögliche Hürde dar.

Der Selbsthilfetag findet zwar unter freiem Himmel statt – doch reicht die frische Luft zum Schutz der Engagierten aus den Gruppen und zum Schutz derjenigen, die Kontakt suchen aus? Wenn wir den Selbsthilfegruppen dieses Forum anbieten – laden wir gleichzeitig zum Eingehen eines Risikos ein? Wie geht ein Selbsthilfetag ohne Nähe? Wie wird so ein Tag für uns, wenn kein Bühnenprogramm stattfinden kann? Wenn wir gezwungen sind, Barrieren für Hörgeschädigte einzuführen, um dem Schutz vor Infektion gerecht zu werden… widerspricht dies nicht allen unseren Grundprinzipien zur Barrierefreiheit? Und überhaupt: wer weiß schon, wie die Welt Ende Mai aussieht?

Und doch.

Und doch halten wir an der Durchführung fest! Auch die Region Hannover hat uns ermutigt, die nächste Verordnung, die am 10.05. in Kraft treten wird, abzuwarten und dann ein Hygienekonzept zu erstellen.

Die Selbsthilfe hat in dem vergangenen Jahr trotz all der Einschränkungen so viele kreative Ideen gehabt, um weiter im Gespräch bleiben zu können. Es haben sich so viele Menschen unendlich mehr engagiert, um Teilnehmende nicht zu verlieren: an die Sucht, an die Depression, an die Pandemiemüdigkeit oder die Resignation. Dies alles verdient einen Ausdruck, ein lebendiges Zeichen, ein gegenseitiges Sich-Versichern: Auch wenn alle im vergangenen Jahr viel haben überwinden müssen: die Selbsthilfe ist lebendig! Sichtbar! Kreativ! In Kontakt!

Nie

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