Erste Selbsthilfegruppe, die Coronamaßnahmen in Frage stellt

Eine Dame, deren Mutter im Pflegeheim lebt, möchte eine Gruppe für Angehörige von Menschen mit Demenz gründen. Nun, Angehörigengruppen gibt es zu diesem Thema viele (allein neunzehn sind bei uns für die Region Hannover gelistet). Auf meine Frage, warum sie sich nicht einer bestehenden Gruppe anschließe, erwiderte sie, dass für sie, die sowohl beruflich als auch privat fast ihr Leben lang mit Alten und Dementen zu tun habe, eine neue Komponente hinzugekommen sei. Ich ahne schon, dass es sich um Corona handeln muss.
Und dann holt sie aus (und ich höre gespannt zu). Seit fast einem Jahr könne sie ihre Mutter nur noch eingeschränkt oder gar nicht besuchen. Und wenn sie sie besuchen darf, sind die Enkel nicht dabei und die Tochter ist maskiert, so wie auch das Pflegepersonal. Gemeinschaftsveranstaltungen finden im Heim nicht mehr statt. Die ohnehin schon wenigen sozialen Kontakte gehen gegen Null. Ihre Mutter verstehe die Situation auf einer sachlichen Ebene, sagt sie. Aber emotional?
Die Mutter tue ihr leid. Sie sehe so traurig, hilflos und verstört aus. Sie leide unter der Einsamkeit.
„Es sind doch ihre letzten Jahre, die sie hat. Kann sie die nicht einfach noch genießen, statt mit zweifelhaften Hygieneregeln malträtiert zu werden?“ Ich werfe ein, dass diese Maßnahmen ihre Mutter aber vor Ansteckung schütze und sie am Leben erhalte. Was das denn für ein Leben sei, fragt mich die Anruferin. „Wissen Sie, meine Mutter ist jetzt 86 Jahre alt. Ihr Leben begann in einer schrecklichen Zeit“ (ich rechne aus: 1935 geboren). „Und soll ihr Leben nun genauso schrecklich enden?“ Ich denke an Nationalsozialismus, Diktatur und Einschränkung der Grundrechte. Zumindest letzteres sei ja nun eindeutig gegeben. Gut, die Sichtweisen auf die Coronamaßnahmen sind sehr unterschiedlich, um nicht zu sagen, polarisiert. Es scheint nur zwei Haltungen zu geben. Diejenigen, die alle Pandemieregeln für angemessen halten und jene, denen die Aushebelung der demokratischen Grundrechte zu weit geht. Und dazwischen gibt es wenig Raum für Diskussion. Aber diese Diskussion möchte die Gruppengründerin gerne führen, denn sie selbst sieht sich weder auf der eine noch auf der anderen Seite!
Können wir darüber sprechen, welche Maßnahmen uns schützen und welche uns leiden lassen? Können wir abwägen, was sinnvoll scheint und was übertrieben oder gegenteilig wirkt? Und dürfen wir Gedanken laut äußern, ohne Unsolidarität und Unmenschlichkeit vorgeworfen zu bekommen?
Ja, wir dürfen! Und wir sollten sogar offen darüber sprechen!
Ich begrüße die Idee der Gruppengründung vom ganzen Herzen!

Das Gespräch mit der Anruferin habe ich aus meinen Erinnerungen mit besten Gewissen wiedergegeben. Die Person und die Selbsthilfegruppe sind bewusst anonymisiert worden.

pm

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